Tagungsbericht Digitaltagung „(doppelt) Abgehängt durch Covid 19 – Forderungen und Perspektiven für den Arbeitsmarkt“

Lebenswichtige Infrastrukturen erhalten und stärken

JB Bericht über Digitaltagung Foto Internetseite 2021 (c) KoKreis mit Bilder Pixabay
JB Bericht über Digitaltagung Foto Internetseite 2021
Datum:
Mi. 16. Juni 2021
Von:
Von Thomas Hohenschue für den KoKreis des Bistums Aachen

Lebenswichtige Infrastrukturen erhalten und stärken

Die Pandemie hat Schwächen unserer Wirtschaft und Gesellschaft offengelegt. Viele Beschäftigte und Langzeitarbeitslose bleiben auf der Strecke. Was zu tun ist, berieten Aktive aus der kirchlichen Arbeitslosenarbeit

Sars-CoV-2 hält unsere Welt in Schach. Schonungslos legt die Pandemie offen, was in Wirtschaft und Gesellschaft nicht in Ordnung ist. Zugleich zeigt sie Perspektiven auf, wie wir unser Leben und Arbeiten besser gestalten können. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Situation von Beschäftigten und Langzeitarbeitslosen. Sie sind häufig mehrfach betroffen, belastet, benachteiligt.

Einen genauen Blick auf die Verliererinnen und Verlierer der Pandemie warfen 40 Teilnehmende einer digitalen Fachtagung am 28. Mai 2021. Wissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse verbanden sich mit Alltagserfahrungen aus Betrieben und Sozialeinrichtungen sowie politischen Forderungen. Das Ziel: Aus beobachteten Herausforderungen lernen. Stellvertretend für die Veranstalter vom Koordinationskreis kirchlicher Arbeitsloseninitiativen im Bistum Aachen formulierte Andrea Kett vom Bischöflichen Generalvikariat den Anspruch des Tages: „Die Coronakrise wird nicht die letzte Krise sein. Aber wenn wir alle aus ihr lernen, könnten der Arbeitsmarkt und die ganze Gesellschaft auf weitere Krisen besser vorbereitet sein.“

Wie groß diese Aufgabe ist, machte Steffen Niehoff vom Institut für Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück deutlich. Die Pandemie habe eine ganze Kaskade von Krisen ausgelöst, aufbauend auf strukturellen Defiziten, die bereits existierten. Die allgemeine medizinische Gefahr traf auf die Probleme eines kosten- und renditeoptimierten, dem privaten Wettbewerb ausgesetzten Gesundheitssystems. Hinzu gesellten sich wirtschaftliche Krisen in besonders betroffenen Branchen wie Gastronomie und Kultur sowie weltwirtschaftliche Turbulenzen.

Jenseits der ökonomischen Effekte benannte Niehoff auch gesellschaftliche Auswirkungen wie eine Krise der Legitimität des politischen Systems, wegen der Einschränkungen von Grundrechten. Diese wissenschaftliche Analyse bestätigten später Mitarbeitende aus Sozialeinrichtungen als einen Trend, der dringend bearbeitet werden müsse, durch politische Bildung vor Ort. Als weitere Kaskade unter der Oberfläche der Pandemie arbeitete Niehoff noch die Krise der Sorgearbeit in den Familien heraus, forciert etwa durch Schließung von KiTas und Pflegeeinrichtungen, sowie die Krise der Bildung im Zeichen von Distanzunterricht, Homeschooling, fehlendem sozialen Lernen.

 Vertiefte Spaltung und Ungerechtigkeit bei Beschäftigten

In dieser Gemengelage von miteinander verzahnten Krisen sei auch die Arbeitswelt in weiten Bereichen von der Pandemie in Bewegung versetzt worden, bilanzierte der Sozialwissenschaftler. So haben es auch zwei Drittel der Befragten einer groß angelegten Untersuchung seines Instituts in Kooperation mit Gewerkschaften zurückgemeldet. Steffen Niehoff stellte zahlreiche Ergebnisse dieses Arbeitswelt-Monitors vor, welche wertvolle Hinweise auf die Weiterarbeit im Netzwerk des Koordinationskreises kirchlicher Arbeitsloseninitiativen im Bistum Aachen gaben.

Einige Blitzlichter: Nachteilig betroffen etwa von Infektionsgefahren, Ohnmachtsgefühlen, wirtschaftlichen Einbußen, Arbeitsverdichtung und sozialer Abkoppelung waren besonders personennah Dienstleistende, von Erziehenden bis Frisierenden, und Beschäftigte in Industrie und Handwerk, deren Arbeit räumlich an die Arbeitsstätte mit deren Produktionsanlagen gebunden ist. Den Kontrast zum Vorteil der besser gestellten Kolleginnen und Kollegen, die ihre Arbeit ohne Einbußen, mit mehr Schutz und Komfort, mit mehr Möglichkeiten der Sorgearbeit für Kinder oder Pflegebedürftige, von zu Hause erledigen konnten, haben viele Betroffene deutlich wahrgenommen. Niehoff bekräftigte, dass sich hier eine Spaltung der Belegschaften in soziale Klassen ereigne, mit einem klaren Bewusstsein dieser Ungleichheit und Spannungen, die sich daraus ergeben.

Elke Ferner von UN Woman Deutschland schärfte diese Betrachtung noch einmal auf geschlechtsspezifische Aspekte hin. Frauen hätten in der Pandemie den Laden am Laufen gehalten, im Einzelhandel ebenso wie in den Familien. Aber weiterhin werde dies den Heldinnen des Alltags nicht gelohnt. Vielmehr verfestigten sich alte Rollenmuster, träten zum Beispiel viele Frauen beruflich kürzer, um die Kinder zu betreuen, deren KiTa oder Schule geschlossen war. Die bereits lange bestehenden Ungerechtigkeiten bei Lohn, Einkommen und mittelbar Rente würden so vertieft. Damit sich an dieser Ungleichbehandlung etwas ändert, brauche es auch mehr Repräsentanz in den wirtschaftlichen und politischen Führungsetagen, unterstrich Ferner. Sie legte ein ganzes Bündel an Reformen und Maßnahmen auf den Tisch, die zur Gleichstellung von Frauen erforderlich sind.

Verschärfte, dramatische Lebenslagen bei Langzeitarbeitslosen

Wenn aber schon weite Teile der Arbeitswelt durch die Pandemie in Unruhe versetzt wurden, viele Beschäftigte Unsicherheit, Ängste, Mehrbelastung und Ungleichbehandlung erfuhren, Frauen eine Vertiefung ihrer strukturellen Benachteiligung in allen Lebensbereichen feststellen mussten: Wie sieht dann die Situation von Menschen aus, die bereits vor Corona vom allgemeinen Wohlstand und der allgemeinen gesellschaftlichen Teilhabe abgekoppelt sind?

Die Einrichtungen, Dienste, Initiativen, die sich im Koordinationskreis engagieren, haben engen Kontakt mit diesen Menschen. Sie sind selbst durch die Pandemie existenziell herausgefordert, mussten schließen, umstrukturieren, umgestalten. Und das im Angesicht der Tatsache, dass zum Beispiel Jugendliche und junge Erwachsene bei ihnen berufliche Orientierung und Stärkung erfahren, sich Menschen allen Alters in ihren Treffpunkten, Beschäftigungs- und Qualifizierungsangeboten eine neue Teilhabe und Tagesstruktur erschließen – inklusive Perspektiven jenseits der klassischen Erwerbsarbeit, vor deren verschlossene Tore sie teilweise seit vielen Jahren stehen.

Um die Schilderungen aus dem Alltag der Projekte kurz und knapp zusammenzufassen: Die Lage der betroffenen Menschen ist dramatisch. Zwar hat kreatives Krisenmanagement und engagiertes Nachgehen der Kontakte über Telefon und Internet manches abgefedert. Aber das hat längst nicht alle erreicht und es hat nicht kompensieren können, was die Pandemie und der Infektionsschutz an Einschränkungen und Verlusten mit sich gebracht haben. Den Menschen ist eine wichtige Infrastruktur weggebrochen, zum Beispiel um Lebensmittel, Kleidung und Ähnliches für sich und ihre Familien zu beziehen. Es ist ihnen ein Ort weggebrochen, an dem sie mit anderen Menschen Kontakt hatten, der ihnen verlässlich Halt gab, sogar so etwas wie eine Heimat bot. Und von jetzt auf gleich verloren einige auch eine Arbeitsstätte, in der sie sinnvolle Arbeit und kollegiales Miteinander erfuhren.

Die Folgen sind erheblich. Die soziale Isolation vieler Langzeitarbeitsloser hat sich vertieft, die Menschen vereinsamen. Sie erleben den Zwang zur Distanz in schlechten Wohnverhältnissen. Der Umgang mit Ämtern ist noch schwerer als sonst, vielerorts gibt es gar nicht die Möglichkeit zur persönlichen Rücksprache, weil die Türen geschlossen sind. Das Internet stellt für viele keine Alternative dar, weil sie keine angemessene Infrastruktur zuhause haben oder zu wenig Kenntnisse. Kommen noch weitere Schwierigkeiten hinzu, wie zum Beispiel Sprachbarrieren, haben die Menschen große Nöte, ihre Ansprüche auf Unterstützung durchzusetzen. Ein ganzer Rattenschwanz an wirtschaftlichen und sozialen Problemen folgt.

Entschlossen auf allen Ebenen gegensteuern

Eine große Herausforderung für die kirchliche Arbeitslosenarbeit heißt es hier, Anschluss zu wahren, die Dinge klar aus der Brille der Betroffenen zu sehen und diese Perspektive anwaltschaftlich gegenüber Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung zu formulieren. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn psychisch erkrankte Menschen wegen der Pandemie ihre komplette soziale Infrastruktur verloren haben? Es häufen sich die Hinweise, dass Gefühle von Ohnmacht, Verzweiflung und Perspektivlosigkeit wachsen, bis hin zur Suizidalität. Wenn alle anderen Auswege keine Linderung der eigenen Not versprechen, dann erscheint der selbst gewählte Tod als einziger Ausweg. Diese Zuspitzung zeigt, wie lebenswichtig entschlossenes Gegensteuern auf allen Ebenen ist.

Folgerichtig daher vor allem eine zentrale Brandmauer, die bei der Fachtagung hochgezogen wurde: Keinesfalls dürften nun die Kommunen die finanziellen Lasten der Pandemie auf die wirtschaftlich und sozial Benachteiligten abwälzen. Erste politische Gedankenspiele, die Zuschüsse an soziale Einrichtungen, Dienste und Initiativen zu streichen, als so genannte „freiwillige Leistungen“, lassen alle Alarmglocken läuten. Ganz im Gegenteil muss nun, so das Fazit, in die Infrastruktur investiert werden. Die Strukturbrüche, die sich auf dem Arbeitsmarkt abzeichnen, müssen durch den bereits lange geforderten öffentlichen Beschäftigungssektor aufgefangen werden. Die Einrichtungen und ihr Personal brauchen verlässliche Finanzierungsgrundlagen, die Planungssicherheit geben.

Die Pandemie hat gezeigt, wie prekär sich Ausbildungs- und Arbeitsmarkt entwickelt haben, wo Defizite im Bildungswesen liegen und wie unzureichend die finanzielle Unterstützung von Menschen ist, die langzeitarbeitslos oder arm trotz Arbeit sind. Entsprechend ist die Infrastruktur etwa in der außerschulischen Bildung auszubauen, zum Beispiel ein Coaching für Jugendliche im Übergang von Schule und Beruf zu etablieren. Es gilt, Regelsätze und Mindestlohn zu erhöhen. Die Tarifbindung ist branchenübergreifend zu erweitern, notfalls über Allgemeinverbindlichkeitserklärungen. Und und und. Es braucht ein echtes Bündel, um das Ruder im Sinne menschenwürdiger Lebens- und Arbeitsbedingungen herumzureißen. Das wäre im Sinne unseres Gemeinwesens, das sich universellen Grundrechten verpflichtet fühlt, und es wäre im Sinne unserer Demokratie, die hier Schwächen aufweist, die sich Demagoginnen und Demagogen vom rechten Rand zu Nutze machen.

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